- Der Rhein als Konfliktthema zwischen deutschen und französischen Historikern - Für eine Geschichte der Grenzmentalitäten in der Zwischenkriegszeit
- Didaktische Relevanz
- Fragestellung
- Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln
- Vom Einfluß der Stereotypen
- Krieg und Pazifismus im Frankreich der 1930er Jahre - Beispiel Canard enchaîné
- Krieg und Propaganda im Simplicissimus nach 1933
- Das Bild des Anderen in der satirischen Propaganda
- Bibliographische Hinweise
- Spielball der Rivalen: Elsass und Lothringen zwischen Frankreich und Deutschland
- Der Elsässer Jean-Jacques Waltz alias Hansi und seine anti-deutschen Texte und Bilder als Medien im Geschichtsunterricht
- Lieux de mémoire: Politischer Totenkult in Frankreich und Deutschland
- Krieg und Aussöhnung
'Quelle 7 (Übersetzung): Die Darstellung Jules Isaacs über den Ausbruch des Ersten Weltkriegs (1929/30 und identisch 1951)'
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IV Sarajewo - Krieg in Europa (Juni bis August 1914) - Es droht Krieg
[...] Zu beiden Seiten der [deutsch-französischen] Grenze wurde das Nationalgefühl wachgehalten oder sogar aufgeheizt durch Pressekampagnen, offizielle Haßreden, immer mehr Zwischenfälle als Vorboten des Krieges - Landung eines Zeppelins in Lunéville (3. April 1913), Schlägerei zwischen Deutschen und Franzosen in Nancy (13. April 1913), von preußischen Offizieren in Saverne mißhandelte Elsässer (Dezember 1913). In Deutschland intensivierte sich die alldeutsche Propaganda. In den jugoslawischen Ländern nahm die antiösterreichische Agitation terroristische Formen an.
Auf offizieller Ebene waren die Beziehungen der Mächte korrekt. Im Grunde herrschte aber überall Mißtrauen. Jeder warf dem anderen aggressive Absichten vor und beschleunigte selber seine Rüstungsmaßnahmen. In Deutschland vergrößerte ein Gesetz vom 3. Juli 1913 Heeresstärke und militärische Ausrüstung beträchtlich. In Frankreich wurde der Militärdienst auf drei Jahre verlängert (7. August 1913), [über die russische Anleihe].
[...] Der deutsche Generalstab, der gerne handeln wollte, bevor Rußland seine militärischen Vorbereitungen abgeschlossen hätte, war für einen Präventivkrieg und versuchte, den Kaiser von seinem Standpunkt zu überzeugen.
[es folgt ein langes belgisches Zitat über den militaristischen Geist Wilhelms II., der der Aussicht eines Krieges gegen Frankreich durchaus positiv gegenübersteht]
Der Stand der Bündnissysteme
Zu Beginn des Jahres 1914 war Deutschland geneigt zu glauben, daß die Gesamtlage günstig sei. [damaliger Stand der Bündnisse] Die große Hoffnung Deutschlands beruhte auf der Haltung Englands, die sich zu Deutschlands Gunsten zu wandeln schien. Ein englisch-deutsches Abkommen über die Bagdadbahn und die portugiesischen Gebiete in Afrika war unterschriftsreif. Man wollte in Berlin daran glauben, daß England die Russen in einem Krieg auf dem Balkan nicht unterstützen würde und daß Frankreich ohne England nicht wagen würde, sich auf seiten Rußlands zu engagieren. [Jules Isaacs Kommentar: in Wirklichkeit sind diese strategischen Kalküls teilweise falsch, denn England stellt das Bündnis mit Frankreich keineswegs in Frage]
[Darstellung des Attentats von Sarajewo]
Die deutsch-österreichischen Entschließungen
[über die österreichische Absicht, mit Serbien endgültig abzurechnen]
Für ein so gefährliches Unterfangen war die deutsche Unterstützung unbedingt erforderlich, und dieses Mal wurde sie bedingungslos zugesichert. In seiner Antwort auf einen handgeschriebenen Brief Franz Josephs versprach Wilhelm II., seine Bündnisverpflichtungen verläßlich zu erfüllen. Er glaubte nicht, daß, wie er sich ausdrückte, "der Zar auf die Seite der Königsmörder zu treten wage". Aber diese Vermutung war ziemlich kühn. In den Potsdamer Verhandlungen vom 5.-6. Juli wurde die Gefahr eines gesamteuropäischen Krieges erwogen und in Kauf genommen.
[Zitat]
Als diese Entscheidung gefällt war, teilten Österreich und Deutschland die Rollen unter sich auf: ersteres sollte Serbien niedermachen, letzteres den Krieg "örtlich begrenzen", indem es sich jeglicher Eimischung einer anderen Großmacht entgegenstellte, wobei natürlich an Rußland gedacht war. [Zitat einer deutschen diplomatischen Anweisung]
Die entscheidende Frage war, ob es Deutschland gelingen würde, Rußland in Schach zu halten. Andernfalls stand ein Krieg aller europäischen Großmächte bevor.
Das Ultimatum an Serbien
Während im Geheimen diese bedeutenden Entscheidungen getroffen wurden, gaben die deutschen Machthaber allerseits in Europa Friedensbeteuerungen ab. Wilhelm II. trat eine Kreuzfahrt in der Nordsee an. Halbwegs beruhigt begaben sich Präsident Poincaré und Ministerpräsident Viviani am 15. Juli auf Reisen, um dem Zaren und den skandinavischen Monarchen ihren Besuch abzustatten.
[österreichisches Ultimatum an Serbien]
Als Europa am darauffolgenden Tag, dem 24. Juli, Kenntnis erhielt von den Einzelheiten des Ultimatums, begriff es sofort, was dieses Ultimatum bedeutete: Krieg, und zwar nicht nur zwischen Österreich und Serbien, sondern in ganz Europa
Die weitere Entwicklung der Krise
Die Woche zwischen Freitag, dem 24. Juli, dem Tag der Veröffentlichung des Ultimatums, und Samstag, dem 1. August, dem Tag der deutschen Kriegserklärung an Rußland, war voller dramatischer Ereignisse und gleichsam von den Befürchtungen der ganzen zivilisierten Welt belastet.
[über die wichtigsten Abschnitte der Krise]
Wer waren während dieser wenigen Tage die Männer, an denen das Schicksal von Millionen Menschen hing? [über den österreichischen Kaiser]; in Deutschland herrschten Wilhelm II., der sich unkontrollierter als je verhielt, und Reichskanzler Bethmann-Hollweg, ein gedankenloser Beamter ohne großen Einfluß; [über den russischen Zaren]. Keiner von ihnen war ein großer Staatsmann und Geist. [über die zu späte Rückkehr der Franzosen aus Rußland]
[...] die Ereignissen überschlagen sich, das Fieber steigt von Stunde zu Stunde.
Der Bruch zwischen Österreich und Serbien [...] - Rußland droht einzugreifen
[...] Der Kompromiß, den Rußland verlangte, schien noch in Reichweite. England bemühte sich aktiv darum. Am 26. Juli schlug es zum einen eine Viererkonferenz zwischen Deutschland, England, Frankreich und Italien vor, und zum anderen sollten Österreich, Serbien und Rußland aufgefordert werden, sich militärischer Operationen zu enthalten; dieser Vorschlag wurde von Deutschland abgelehnt [in Fußnote: Deutschland blieb bei der Ansicht, daß der serbisch-österreichische Konflikt niemanden angehe; man dürfe also nur auf Rußland einwirken]. Am 27. Juli war die serbische Antwort allgemein bekannt; so erschien die österreichische Unerbittlichkeit umso unverständlicher. Grey schlug vor, die serbische Note als Verhandlungsbasis zu benutzen. Deutschland übermittelte diesen Vorschlag Englands an Österreich, wählte dabei aber absichtsvoll ablehnende Formulierungen.
[Zitate aus deutschen Quellen; zur deutschen Behauptung, daß die deutschen Erklärungen in Österreich falsch interpretiert worden seien:]
Die deutschen Historiker bringen vor, daß Szögyény [österreichischer Botschafter in Berlin] alt und geschwächt gewesen sei und so die deutschen Erklärungen auf abenteuerliche Weise falsch interpretiert habe. Das ändert aber nichts daran, daß man sie in Wien für bare Münze genommen hat. Um diesen Vermittlungsversuchen ein Ende zu machen, schreckte Österreich nicht davor zurück, einen Schritt weiter zu gehen: am 28. Juli erklärte es Serbien den Krieg.
Letzte Verhandlungen
Jetzt konnte nur noch ein diplomatischer Rückzug Rußlands den Kriegsausbruch verhindern. [...] [Die Generalmobilmachung] wurde am 29. Juli verkündet, aber auf ein Telegramm Wilhelms II. hin nahm der Zar seinen Befehl zurück und blieb bei einer Teilmobilmachung - gegen Österreich.
Zu diesem Zeitpunkt begann Deutschland nämlich zu zögern. Die Sache schien ihm jetzt ungünstig eingefädelt: es war schwierig, "Rußland die Verantwortung für den Krieg zuzuschieben". Aus London kam die Mahnung daß, "wenn Frankreich und Deutschland in den Krieg hineingezogen würden, England nicht lange abseits stehen könne". So wurden die deutschen Verantwortlichen in Wien immer aktiver. Ab dem 28. hatte Wilhelm II., ab dem 29. dann Grey zu bedenken gegeben, daß Österreich gegen Auslieferung eines Pfandes - Belgrad - Verhandlungen akzeptieren könne; der Reichskanzler empfahl diese neue Maßnahme "mit Nachdruck und Energie" (30. Juli). Es war zu spät. Dem Bekenntnis Bethmanns selbst zufolge "war die Maschine in Bewegung, die Steuerung lag nicht mehr [bei den Politikern]", sondern bei den Generalstäben. Moltke, der Chef des deutschen Generalstabs, telegraphierte nach Wien in genau entgegengesetztem Sinne wie Bethmann. [österreichische und russische Mobilmachung]
Die Kriegserklärungen
[...] Tatsächlich waren sowohl durch die russische Mobilmachungsinitiative, als auch durch die österreichische Unerbittlichkeit alle Verhandlungen nutzlos geworden. Der Kriegsausbruch war nur noch eine Frage von Stunden. Am 31. Juli stellte Deutschland ein doppeltes Ultimatum: Rußland verfügte über zwölf Stunden, um alle "Kriegsvorbereitungen" zum Stillstand zu bringen; Frankreich verfügte seinerseits über achtzehn Stunden, um kundzutun, ob es sich dazu verpflichtete, neutral zu bleiben [Fußnote: Man weiß seit 1918, daß Deutschland im Falle einer positiven Antwort, die im übrigen sehr unwahrscheinlich war, als Sicherheitspfand der französischen Neutralität die Auslieferung der Festungen von Toul und Verdun gefordert hätte. Eine solche Forderung hätte natürlich den Krieg sofort unausweichlich gemacht]. Am 1. August, als die Frist vergangen war, übergab der deutsche Botschafter die deutsche Kriegserklärung an Rußland.
"Frankreich", so hatte Viviani geantwortet, "wird sich seinen Interessen entsprechend verhalten." In Wahrheit war die französische Regierung entschlossen, ihre Bündnispflichten zu erfüllen, aber sie wollte keinesfalls selber den diplomatischen Bruch herbeiführen: um jeglichen Zwischenfall zu vermeiden, hatten die französischen Truppen den Befehl erhalten, überall 10km Abstand von der Grenze zu halten (30. Juli). Am 1. August wurde die Generalmobilmachung in Frankreich und Deutschland beschlossen. Jeder wartete auf die Kriegserklärung des anderen. Schließlich erklärte Deutschland am 3. August Frankreich den Krieg, wobei "feindliche Aktionen" von französischen Fliegern auf deutschem Gebiet als Motiv angeführt wurden - ein schlichter Vorwand, der auf Falschinformationen beruhte und ungeschickt vorgetragen wurde.
Das Scheitern der deutschen Diplomatie
Die deutsche Regierung verlor eine nach der anderen ihre Hoffnungen - oder ihre Illusionen. Sie hatte darauf gezählt, daß durch den drohenden Krieg in Frankreich leidenschaftliche politische Kämpfe ausbrechen würden und vielleicht ein allgemeiner Aufruhr ausgelöst würde. Das Gegenteil war der Fall. Im Angesicht der Todesgefahr faßte sich die Nation ein Herz, die politischen Leidenschaften traten in den Hintergrund; [...] Die Mobilmachung geschah in einer Stimmung ruhiger Entschlossenheit.
[Abfall deutscher Verbündeter: Italien und Rumänien bleiben neutral]
Auf beiden Seiten wartete man angstvoll auf die Entscheidung Englands. [...] Am 3. August, als die Verletzung der belgischen Neutralität durch Deutschland Gewißheit war, zögerte England nicht mehr. Deutschland und Belgien
Wie die anderen Großmächte hatte Preußen die Verträge von 1831 und 1839, die die ewige Neutralität Belgiens garantierten, unterzeichnet. Um aber schneller und sicherer den Sieg zu erlangen, hatte der deutsche Generalstab entschieden, die französischen Verteidigungslinien im Osten des Landes zu umgehen und Luxemburg und Belgien zu durchqueren. Am 2. August bereits fielen die deutschen Soldaten im Großherzogtum Luxemburg ein, obwohl dessen Neutralität durch das Übereinkommen von 1867 geschützt war. Am selben Tag forderte Deutschland von Belgien, den Durchzug der deutschen Truppen zu gestatten. Auf die Weigerung der belgischen Regierung folgte unmittelbar der Angriff auf Lüttich und der Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen Deutschland und England (4. August).
[Zitate englischer, belgischer und deutscher diplomatischen Noten]
Die Verletzung der belgischen Neutralität und die diesbezügliche Bemerkung von Reichskanzler Bethmann-Hollweg - "nichts als ein Stück Papier" - lösten in der ganzen Welt Empörung aus. Deutschland schien die materiellen Kräfte auf seiner Seite zu haben. Es hatte aber die sittlichen Kräfte gegen sich aufgebracht.
S. 678-683
Quellen
- Darstellung eines deutschen Schulbuchs (undatiert) über die Kriegsursachen, im Fußnotentext werden viele seiner Argumente entkräftet. Die deutsche Quelle sieht die Verantwortung bei Rußland und dem Panslawismus
- ein weiterer Text deutschen Ursprungs aus einem Schulbuch für die Oberstufe; wieder werden die Ausführungen im Fußnotentext kritisch kommentiert und berichtigt
- Abbildung: Militärparade in Berlin
Der Textausschnitt ist in den folgenden beiden Unterrichtswerken identisch (p. 665-683) :
MALET (Albert), ISAAC (Jules), Histoire contemporaine depuis le milieu du XIXe siècle. Cours d'histoire Malet-Isaac, classes de philosophie-mathémathiques. Paris, Hachette, 3 Teilbände 1929/1930/1930, 852 S.
MALET (Albert), ISAAC (Jules), Histoire contemporaine depuis le milieu du XIXe siècle. Cours d'histoire Malet-Isaac, classes de philosophie, mathémathiques et sciences expérimentales. Paris, Hachette, 1951, 886 S.